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"Ich mach's auch für mich." Bewegungsgründe im bürgerschaftlichen Engagement

Andrea Multmeier, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW

 

„O Jahrhundert!", rief vor nunmehr fünfhundert Jahren der Humanist Ulrich von Hutten in bester Renaissance-Laune, „es ist eine Lust zu leben. Die Studien blühen, die Geister regen sich. Barbarei, nimm dir einen Strick und mach' dich auf Verbannung gefaßt!"

Unserer Zeit, in der jede allzu große Zukunftseuphorie Gefahr läuft, belächelt zu werden, erscheint solche Begeisterung fremd. Dabei bietet das Thema, das uns hier beschäftigt, hierzu eigentlich allen Anlass zur Freude. Anders als in Huttens Renaissance-Aufbruchsstimmung brauchen wir dabei heute nicht einmal in die Vergangenheit zurückzuschauen. Anstatt auf vermeintlich „Goldene Zeiten“ zurückzugreifen, finden wir heute in spröden, aber aktuellen Statistiken eine Errungenschaft, die jeder und jedem Einzelnen ganz persönlich zur Verfügung steht – und sich ab sofort „am eigenen Leibe erfahrbar“ ereignet.

In der Ankündigung zu einem Kongress über “Changing Expectations of Life” der Universität Newcastle fand ich vor einigen Monaten die Information, dass sich zurzeit „in den meisten europäischen Ländern jeden Tag die Lebenserwartung um 5 Stunden erweitert.“

Unsere Großmütter und Großväter hatten hier knappere Ressourcen zur Verfügung, und das war ihnen auch bewusst. So mussten sie sich in ihrer Lebensplanung beeilen, ihre traditionellen Pflichten noch zu erfüllen: „ihr Haus zu bestellen“ – und vielleicht auch noch im Rahmen einer „tief empfundenen“ Verpflichtung, „etwas zurückzugeben“: an Menschen, Organisationen, Kirchen oder die Gesellschaft ganz allgemein, deren Hilfe sie in schlechten Zeiten einmal erfahren hatten und denen nun dankbare Gegenleistungen zustanden.

Damals hießen diese Leistungen nicht „bürgerschaftliches Engagement“.  Dazu waren sie schlicht zu selbstverständlich, mussten nicht mit positiven Begriffen im Wettbewerb der unterschiedlichsten Angebote an Werten, sinnvollen Tätigkeiten und Lebensentwürfen in Position gebracht werden.

Mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Wahlmöglichkeiten – diese unbestreitbaren Vorteile unserer Gegenwart sind manchmal in der Tat recht anstrengend. Dennoch wäre es fatal, ausgerechnet das Thema des „demografischen Wandels“ und seiner Konsequenzen nur mit gesenktem Blick und besorgter Miene zu behandeln und zum Angstthema zu machen. Es bietet eigentlich allen Anlass zur Begeisterung.

Die positiven Zahlen zur gestiegenen Lebenserwartung haben wir auch in der Wohlfahrtspflege immer wieder gehört und zur Kenntnis genommen. Dann sind wir – oft genug – zur Tagesordnung übergegangen, haben, ganz wie es der Erwartungshaltung entspricht, auf Probleme hingewiesen, auf damit verbundene gesellschaftliche Fehlentwicklungen und ihre Gefahren. Nach wie vor wird der demografische Wandel in der Öffentlichkeit vor allem aus der Perspektive steigender Kosten für die Alterssicherung betrachtet: Regelmäßig wird das Szenario beschworen, der Sozialstaat sei in absehbarer Zeit angesichts des wachsenden Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung nicht mehr finanzierbar: Alter = Defizit. Das macht unsere Alten und uns selbst als die Alten von morgen nicht gerade stärker. Alles, nur nicht „alt aussehen“: Ich ertappe mich inzwischen selbst dabei, darüber nachdenken, ob das explizite Hervorheben des Alters der angesprochenen Personengruppe auch bei der Förderung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements überhaupt noch ratsam bzw. zielführend ist.

Fest steht aber: Die Zahl qualifizierter, selbstbewusster älterer Menschen nimmt zu. Sie zeichnen sich durch ein beträchtliches Aktivitätspotenzial aus, verfügen über eine Vielzahl an Ressourcen und eine hohe Engagementbereitschaft. Um diesen Schatz gesellschaftlich nutzen zu können, bedarf es Rahmenbedingungen, die vorab zu gestalten sind.

 

Was zieht Freiwillige an?

Menschen, die sich heute ehrenamtlich engagieren, tun das nicht „umsonst“, sie wollen auch etwas davon haben. Dass ist nicht verwerflich, sondern legitim und konsequent. Freiwillige kommen nur freiwillig. Also nicht zu jedem. Schon gar nicht zu einer Person oder Organisation (Es ist immer zuerst eine Person!), die nicht eine bestimmte Haltung und das dazugehörige Handeln zu einem Thema verkörpert, zumindest signalisiert.

Darauf, dass im Paritätischen in NRW zurzeit in 3.000 Organisationen Menschen freiwilliges Engagement praktizieren und so Gestaltungs­räume und Mitwirkungsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft nutzen, können unser Verband und vor allem natürlich die Agierenden in unseren Mitglieds­organi­sationen vor Ort sicher stolz sein.

Aber hier wollen wir nicht stehenbleiben. Gerade wer auf bunte Vielfalt im verbandlichen Spektrum setzt, muss sich permanent neuen Ansätzen öffnen. Das hat auch Auswirkungen auf die selbstgesetzten Prämissen des eigenen Verhaltens, z.B. bei der Förderung, Kultivierung und Weiterentwicklung des freiwilligen Engagements.

Die paritätische Bilanz kann sich bislang sehen lassen. Kein anderer Wohlfahrtsverband erreicht ein derartig beeindruckendes Verhältnis zwischen Ehrenamt und Hauptamt. Niemand kann sich aber heute auf einer positiven Bilanz ausruhen. Daher hier einmal einige Orientierungspunkte zur weiteren Aktivierung „paritätischer Zukunftsträger“.

 

Was tun? Paritätische Regeln zur Aktivierung.

  1. Themen als Einstieg. Themen sind interessant, geben Impulse, Anreize, „betreffen“ und „beschäftigen“ uns: und münden so schnell in konkretes Handeln.
  2. Abholen von bereits Interessierten. Wo immer sie auftauchen: alle gleich mitnehmen!
  3. Zuhören statt Überzeugen. Es gibt nichts Schöneres als auf die eigenen Lieblingsthemen angesprochen zu werden – und dann auch noch offene Ohren zu finden.
  4. Positiver „Klimawandel“. Ermöglichung von Vorteilen, Anreizen und vor allem: gesellschaftliche Anerkennungskultur.
  5. Eigenen Antrieb, Spontaneität und Eigensinn fördern. Tun, was man selber will: das Gute liegt so nah.
  6. Multiplikatoren finden und fördern. Schneebälle rollen dann oft wie von selbst.
  7. Motivtoleranz kultivieren! Motive wie Partnersuche, persönliche Problem­bewältigung oder auch Ambitionen zur Selbstdarstellung führen bekannterweise oft zu wahren Kreativitätsschüben. Warum sollten wir auf diese gerade in unserem Bereich verzichten?

Wir alle haben uns in vielen Bereichen darauf eingestellt, dass unser immer optionsreicheres Leben oft nur über viele Umwege zum Sinn gelangt. Dabei haben wir viele neue Erfahrungen gesammelt, und nicht nur schlechte. Wir haben z.B. die Stärke schwacher Bindungen entdeckt – und sogar in Systemen von Verbindlichkeit nur mittlerer Reichweite echte Stabilität erreicht. Gerade diese Gesellschaft hat heute daher kaum Gründe, Angst vor der eigenen Courage zu haben. Bürgergesellschaft bleibt ein Prozess, der sich politischer Kontrolle und genauer Planbarkeit entzieht. Engagement ist Öl und – als kritisches Korrektiv – Sand im Getriebe zugleich. Unsere Gesellschaft braucht zu ihrer Zukunftssicherung beides. An die Arbeit also!

 

Kontakt

Andrea Multmeier

Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW
Fachgruppe I Bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe
Gerichtsstr. 3
46236 Bottrop

 

Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes November 2007 Bürgerschaftliches Engagement im Fokus: Beweggründe, Bedürfnisse und Erwartungen von älteren Ehrenamtlichen.

 

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Autor: Annette Scholl, 07.11.2007 
Quelle: Andrea Multmeier